07-Anreisen-Berlin-San-Jose

Es regnet in Berlin. Vom nahen Tag ist noch nichts zu spüren. Das Thermometer zeigt die gleiche Temperatur an, die auch im Inneren des Kühlschrankes herrscht. Das wird sich heute hier nicht ändern und morgen auch nicht. So leben wir nun, wir Deutsche.

Pünktlich ist das Taxi da. Der Fahrer, ein Berliner, ist um 5:30 Uhr schon ausgeschlafen und gut drauf. Morgens kommen immer Berliner Taxifahrer; sonst sitzen hier Fahrer aus 170 Ethnien hinter dem Lenker. Bevor er das erste Mal den Blinker setzt, ist schon einiges klar: Er ist CDU-Wähler, hat oft Eberhard Diepgen gefahren, weiß aber nicht, was er zur Bundestagswahl wählen soll, dass er aber zur Wahl geht, die Enkel ..... – ein Glück, zum Flughafen Tegel ist es nicht weit. Noch beim Herausgeben des Wechselgeldes erfährt man nebenbei, dass die Berliner seit der Einführung des Euro bis zu 40 % weniger Taxi fahren....... aber der Fahrgast hat seinerseits schon endgültig abgeschaltet.

Die KLM um 6:45 Uhr ist voll ausgebucht. Die Fokker 70 hat auch für ganz kleine Menschen nicht genug Beinfreiheit. Zum Ausgleich dafür sind die blonden holländischen Stewardessen im schmalen Mittelgang riesig groß und die Versorgung mit Zeitungen besonders schlecht. Es gibt nur die Herold Tribune. Die ist dafür schon 2 Tage alt aber leider noch nicht historisch zu nennen. Die Maschine muss über Nacht mit offenen Türen auf dem Rollfeld gestanden haben. Sie ist eiskalt. Die Crew trägt Mäntel.

Amsterdam

Es regnet auch in Amsterdam. Zum Umsteigen bleibt viel Zeit, die man auch wirklich haben sollte, denn zu Fuß ist fast ganz Holland zu durchqueren. Von Terminal C, kurz vor der deutschen Grenze, bis zum Terminal G, weit in Richtung Belgien gelegen, läuft man trotz endloser Laufbänder auf dem Flughafen Schiphol bei strammem Schritt 20 Minuten. 39 Millionen Fluggäste im Jahr 2001 mußten sich hier zurechtfinden.

Auch an diesem trüben, diesig verhangenen Morgen herrscht Hochbetrieb. Vom Ende des Terminal G kann man gut drei Landebahnen einsehen, wo eine Maschine nach der anderen aus dem Dunst heraus einschwebt oder darin verschwindet, zum Start rollt, von Dockingstationen weggeschoben wird – ob das je in Berlin – Brandenburg – International mal so wird?

Ununterbrochen sagt eine sympathische Frauenstimme mit unmöglichen Lauten mit vielen harten „ch’s“ und „t’s“ jeden Flug an, ob man nun dahin will oder nicht. Holländisch ist wohl eine der härtesten Sprachen Europas. Da können die Schweden noch so über die nölenden Dänen lachen.  Trotzdem, ein Deutscher kann den Inhalt der Ansagen gut noch vor der englischen Wiederholung verstehen. So auch die Ansage, dass die Martin Air („Der andere Holländer“) zum Flug nach San José, Costa Rica via Miami bittet. Doch die verteilten Visaformulare für die Einreise in die USA sorgen erst einmal für Verblüffung. Sind es denn nicht alle gewöhnliche Transitgäste? Aber nein, die Karten sind sofort auszufüllen. Und überhaupt, man möge sich doch die allergrößte Mühe geben und sich ja nicht verschreiben.

Aber die Fragen erst! Die sind so typisch amerikanisch, dass man sich, an preußische Fragebögen durchaus gewöhnt, verwundert die Augen reibt. Ob man geistig krank sei, öfter als zwei Mal für fünf Jahre im Knast gesessen hat, und – allen Ernstes – etwas in die Luft sprengen möchte, usw. Alles ist auf dem blauen Karton mit ja oder nein anzukreuzen und mit Geburtsdatu zu unterschreiben.

Trotzdem startet die Boing 767 der Chartertochter der KLM. Sie ist innen in angenehmen Farben gehalten. Die Sitze sind dunkelblau mit wenigen roten und weißen kurzen Strichen durchwirkt. Das Ganze wirkt wohnlich – bis man sich setzen will. Der Sitzabstand und die Beinfreiheit ist wirklich gewaltig: gewaltig eng. Es sind viele Stewardessen an Bord. Oder fallen sie mit ihrem knallroten Kostümen in dem dunkelblauen Interieur nur so auf? Es sind alles groß gewachsene, oft kräftige Damen, Martin Air hat da schon was zu bieten.

Alle tragen einen unmöglichen kleinen Hut im Rot der Kostüme. Die schnörkellosen flachen runden Dinger sehen aus wie Kompottschalen aus Filz, die, wenn sie noch betont neckisch schief aufgesetzt sind, den Reisenden schon zum Lachen bringen können. Design ist nichts für die Holländer, z. B. der Außenanstrich der KLM: oben Blau unten Weiß und die Martin Air: genau so, nur oben Rot. Nur kein Schwung, kein Pfiff; es könnte ja auffallen. Tut ja fast weh, was die netten Heinekentrinker da alles einstecken müssen. Jetzt kommt auch noch der Service dran. Der ist wie bei anderen Charterfliegern. Nur Extrawünsche werden nicht gerne erfüllt. Ein zusätzliches Bier zwischen den Servicerunden wird mit 2,50 Euro bestraft, eine Decke kommt nach drei Anforderungen nie. Nur die Passagiere der „Starklasse“ brauchen nicht zu frieren. Da die Decken aber in der Ablage der Holzklasse liegen, fehlt jetzt aus Versehen eine. Wer versteht schon so viel englisch: „Property of Martinair. Do not remove from Aircraft“.

Die kürzeste Flugroute nach Miami führt nun mal entlang des Großkreises beinahe über die Südspitze von Grönland. Kurz nach dem Start ist gerade noch die Küste des Ärmelkanals zu sehen, und dann ist bei dem nur flachen Steigungswinkel, den sich die Flieger über dem Meer nun mal leisten können, alles in Wolken. Dafür ist dann die Sonne für viele Stunden zu sehen und heizt sogar die innere Plexiglasscheibe des Fensters auf der linken Seite angenehm auf, da es im Inneren, wie gesagt, sehr kalt war. Das ist übrigens ein Trick der Fluggesellschaften. Die Pax richtig mit viel zu vielen Kalorien abfüttern und dann kalt machen, das macht träge und schläfrig und bringt Ruhe für die Cabine Crew.

Die Wolkendecke reißt nur noch einmal kurz über Irland auf. Sonst lag der gesamte Nordatlantik unter einer geschlossenen Wolkendecke. Armes Europa. Bei dem starken Westwind kommt da nichts Gutes auf all die Länder zu. Erst über der Landmasse Canadas wird es klar. Große Schneefelder, dunkle Wälder aber keine Straßen, Orte sind zu sehen. Es dauert noch lange, bis sie nach Kurswechsel auf Südwest entlang der Ostküste Amerikas in Sicht kommen. Scharf zeichnet sich aus 12.000 Meter die Küstenline ab, klitzeklein ist Boston, New York, kontrastreich die Wolkenkratzer von Manhattan, der Hudson River mit den Brücken in der nun schon schräg stehenden Sonne und sogar Staten Island ist auszumachen. Die kleine Insel mit der Freiheitsstatue aber nur an den Kiellinien der Fähren, die plötzlich im Nichts enden. Long Island ist erstaunlich groß.

Ein richtiger Erdkundeunterricht. Wie stark zerklüftet die Ostküste ist. Zwar zeichnet der helle Sandstreifen der Küste und die weiße Brandung des Atlantik die Umrisse des Kontinents so, wie es jeder aus dem Schulatlas kennt, aber die riesigen Wasserflächen bis tief ins Hinterland sind eine neue Erfahrung. Wieder ziehen Wolken auf und die Sümpfe der Everglades sind erst zu sehen, als die Boing von Westen her auf die Landebahn zuschwebt.

Miami

Miami, im Sunshine State Florida, mit seinen langen Autobahnbrücken über grauem Wasser sieht bei Nieselregen genau so trist wie Berlin und Amsterdam heute Morgen aus.

Sie spinnen, die Amis

Die Amis haben wirklich nicht alle Tassen im Schrank und es gibt derzeit keinen mehr auf der Welt, der denen mal auf die Finger klopfen kann. So steht die Welt vor einer nicht sehr schönen Zukunft.

Hier wird offensichtlich internationales Recht gebrochen, denn alle Transitreisende müssen gegen ihren Willen in das Land einreisen und das Gepäck muß ausgeladen, identifiziert, kontrolliert, wieder verladen und schön teuer bezahlt werden. Der Zwischenstop ist auf 2 Stunden angesetzt und reicht nicht einmal aus. Alle sind wütend.

Die Zehen genau an der Linie warten alle auf den gnädigen Wink des Migration Officers. Nicht der geringste Unterschied zu damals, zur Einreise als Westberliner in die „Hauptstadt der DDR“, eher noch trister. Wenn der noch sächsisch spricht, bekommt er eines auf die Gusche, zumindest verbal. Der schnauzt aber auf Englisch. Man hätte in dem Feld „Permanent Adress in USA“ gefälligst „Transit to everywhere“ einzutragen. Spinnt der? Im feinsten näselnden Oxfordenglish bekommt er zu hören und den blauen Karton wieder zugeschoben, der Reisende verstehe sein Englisch nicht. Er überlegt, ob er platzen soll, krakelt aber doch selber was hin weil die Schlange lang ist. Als das erledigt ist, hantiert er wie Rastelli mit seinen Stempeln herum, hackt wie wild und wütend auf jede freie Stelle ein, rot das Datum, schwarz was von Migration und quer blau, dass man wieder ausreisen muß. Dann reißt er wütend den Ausreiseabschnitt ab und schmeißt seinen Teil  - in den Papierkorb.

Aufgeregte Damen im roten Kostüm mit dem unsäglichen Beppi der Martin Air, nur deutlich kleiner, älter, farbiger und dicker als die großen Blonden vom fliegenden Personal hetzen ihre Fluggäste aufgeregt über den nicht gerade kleinen Airport zur Gepäckausgabe. Beim Warten auf die Koffer muß ein Hund an der Fotoausrüstung schnuppern, hat aber mehr Interesse an dem Rucksack eines Junkies. Nun ist alles gespannt, kommt heran. Der Rauschgifthund ist ein kleiner Mischlingsrüde mit Schildern an der Seite „Police - Dog Brigade“. Voller Erfolg. Das gefundene Wurstbrot will er gleich auffressen, es wird aber beschlagnahmt, alles lacht und der Hund hat wohl Feierabend.

Die Koffer auf einen Wagen, dann rauf in die Röntgenabteilung mit jedem Stück. Einreise ins gelobte Land, zwei Meter dahinter greifen sich zwei der dicksten je gesehenen Negermammis in furchteinflößender Uniform die Koffer mit zwei Fingern (der eine hat 28 kg!) und schmeißen alle Koffer wieder auf ein Band.

Herzlich Willkommen in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Rotkäppchen verhindern einen Spaziergang auf dem Parkplatz. Endloser Weg zur Ausreise, endlose Schlange in Einerreihe zur Ausreise, von Polizisten immer wieder ordentlich an die rechte Wand gedrückt, zig Ecken. Die Rotkäppchen sind weg, rennen zurück, holen den Rest. Wer sich da hinten anstellt, steht noch am Urlaubsende dort. Also vorbei an murrenden Schlangestehern. Links noch eine kürzere Reihe mit bekannten Gesichtern. Geduldet, vom Officer an die linke Wand gedrückt. Endloses Warten auf die Eincheckkontrolle, die alles erlebte in den Schatten stellt. Alles Metall ab, klar. Der Rahmen piept sich trotzdem zu Tode. Eine Frau (!) identifiziert am Hals und am Gürtel Gefährliches. Am Hals die hauchdünne Goldkette, am Gürtel die Schnalle. Nach dem 10 Stunden Flug ist die Gymnastik, die für den Hals verlangt wird, richtig gut, aber den Hosengürtel mitten im Raum aufzumachen ist komisch, zumal sie herzhaft in die Hose fasst und man automatisch die Arme runter nimmt. Anschnauzer, alles noch einmal. Fertig, das Handgepäck ist auch ohne Beanstandung da.

Denkste! Jetzt geht es erst richtig los. Herangewunken an eine Maschine, Schuhe aus. Laptop an. Das Gerät fährt eine Zunge aus. Mit einem Gazestreifen wird die Innenseite der Lasche der leichten Sommerschuhe abgerieben. Der Streifen kommt auf die Zunge, der Laptop wird bedient, der Streifen verschwindet im Gastomatographen. Nichts, kein Semtex, kein Sprengstoff. Gleiche Prozedur, gleiches Ergebnis mit dem Fotokoffer. Das alles bei ca. 200 unfreiwillig zur Einreise gezwungenen Transitpassagieren nach dem Überqueren der gesamten USA. Es kann nur einen einzigen Grund für diese Frechheit geben und die hat nichts, aber auch gar nichts mit Sicherheit zu tun: Die Gastomathografen sind teuer und müssen bezahlt werden.

Die spinnen, die Amis. Die sollen sich bitteschön mal fragen, warum sie kaum einer auf der Welt mag. Für den Preis eines B-2-Tarnkappenbombers könnten sie vielleicht die Ursache dafür herausfinden. Keiner kann sie derzeit bremsen und das wissen sie. Sie ignorieren ungestraft jede internationale Vereinbarung, jeden Vertrag, den sie je unterschrieben haben. Kein schöner Land in dieser Zeit.

 

Ankunft San José. Costa Rica

Dicke Wolken im letzten Abendlicht über der Karibik, die Küsten Kubas sind aber zu sehen. Dann bescheint die untergehende Sonne 10.000 Meter unter dem Flieger und 2.000 Meter über dem Meer die ersten bauschigen, schneeweißen Passatwolken. Der Äquator kommt näher und das Urlaubswetter scheint gesichert. 2.500 Kilometer und 2 Stunden und 40 Minuten südwestlich von Miami die Landung in Costa Rica.

Der Flughafen ist zerschlissen wie immer. Nein, der Teppichboden an der Gepäckausgabe ist neu. Einreiseformalitäten? Keine. Stempel in den Pass und durch. Die Fahrt nach Jacó am Pazifik dauert 2 Stunden, obwohl es nur um die 100 Kilometer sind. Kurvenreich führt die Straße aus den Bergen herab ans Meer. Die Straße ist gut aber schmal und Lastwagen sorgen an den vielen Steigungen für Stau. Genau nach 24 Stunden Reisezeit kommt endlich die Bar im Freien in Sicht. Gefühlte Temperatur: 55°C, gefühlte Luftfeuchte: wie unter Wasser.

Und wie war es im Februar 2003?

Wieder ein naßkalter, feuchter Februartag, wieder die eiskalte Fokker 70 der KLM. Die ältere Dame in der Reihe davor sah aus wie Rita Süßmuth. Als die Maschine in Amsterdam auf einer Außenpostition zum Stillstand kam und die paar Leute im Flughafenbus waren, schaltete sie ihr Mobile ein, das auch sofort klingelte. Sie meldete sich: "Süßmuth".

In Miami durfte das Gepäck nun im Flieger bleiben. Transitreisende kommen sich aber immer noch wie Verbrecher vor, müssen, ob sie wollen oder nicht, einreisen, einmal um den Terminal rennen und wieder ausreisen.

Aber der Februar 2004!

Alles wie gehabt. Nur in Amsterdam 7 Stunden Verspätung! Dafür gab es einen Verzehrbon der Martinair für 12,50 € - nicht gerade viel bei den Preisen auf Flughäfen.

In Miami war wieder Flughafendauerlauf angesagt. Dafür wurde man auch nach Schlangestehen digital fotografiert. Irgendwie haben die Amis das organisatorisch noch nicht richtig im Griff. Dafür haben sie aber viele Arbeitsplätze auf den Airports geschaffen und die Bürokratie in ungeahnte Höhen geschraubt. Ob es was nutzt?

Nun: Februar 2005

Es ist zwar erst September 2004 aber der Flug ist gebucht. Heißt es nicht: "Gebranntes Kind riecht schlecht!?" Nie wieder Miami! Lt. Internet fliegt die Martinair Montags über Orlando. Hoffentlich haben die das auch gelesen. Ein Rückflug ging mal über diesen kleinen Flughafen. Da sind sie selbst in der Nacht nicht so, so, so - amerikanisch!

Ein Pelikan der starb

Rochen - Erste Hilfe

Anreise Berlin - Amsterdam - Miami - San José, Costa Rica im

2002 - 2005